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Editorial Juli 2008: Versorgungsforschung - Was ist das? |
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Liebe Patientinnen und Patienten, sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen!
"Leitlinien-konform": Das ist das neue Zauberwort, mit dessen Hilfe Gesundheitspolitiker, Fachverbände, Studiengruppen und nicht zuletzt die Kostenträger ärztliches Handeln künftig bemessen wollen. Über das Wie, Womit und Wieviel wird demgegenüber noch heftig debattiert. Zum Glück möchte man sagen!
Darüber, dass Leitlinien in der modernen Medizin unabdingbar sind, gibt es wohl kaum Dissens, sehr wohl aber darüber, welche Bedeutung und welche Exklusivität sie haben. Die Krankenkassen möchten naturgemäß Leitlinien als "Richtlinien" verstehen und sie daher als Repressionsinstrument im Falle der Nicht-Konformität verwenden können. Dies ist verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass der vornehmste Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen (aber in zunehmendem Maße auch der Privat-Versicherer) nicht die optimale sondern die kostengünstigste Patientenversorgung ist.
Von der Traumvorstellung, dass gesetzliche Krankenkassen, die Beihilfe oder private Krankenversicherungen vor allem unsere Gesundheit bzw. unsere optimale medizinische Versorgung interessiert, sollten wir uns endgültig verabschieden. Es geht in erster Linie um Kostenreduktion, was angesichts der desolaten finanziellen Situation der gesetzlichen Krankenkassen und der Länder (die für die Beihilfe zuständig sind) nicht verwundert. Verwunderlich ist eher, dass dieser Umstand seit Jahren von den zuständigen Politikern schöngeredet wird!
Die vermehrte Einforderung Leitlinien-konformer Therapien seitens der Krankenkassen sollte daher weniger als Bemühen zur Verbesserung der medizinischen Versorgung sondern vielmehr als zunehmender Eingriff in die ärztliche “Therapie-Hoheit” verstanden werden. Ob dies im Sinne unserer Patienten sein kann, ist sicherlich diskussionsbedürftig.
Ganz besonders kritisch sind in diesem Zusammenhang Therapie-Leitlinien zu bewerten. Diese sind sicherlich wichtig, da sie einen medizinischen Mindest-Standard (und nicht mehr!) definieren, repräsentieren aber oft nicht mehr den neuesten Stand der Wissenschaft und stellen nicht selten den kleinsten gemeinsamen Nenner widerstrebender Expertenmeinungen dar, die letztlich auch noch die konservativste Auffassung berücksichtigen. Daneben (und als langjähriges Mitglied verschiedener Leitlinien-Kommissionen in der gynäkologischen Onkologie kann ich das sagen!) sind sie natürlich keineswegs frei von kommerziellen Interessen und persönlichen Eitelkeiten, also nur bedingt objektiv. Eine medizinisch bzw. naturwissenschaftlich motivierte Abweichung von einer Leitlinie muss im Individual-Fall auch in Zukunft möglich sein, will man nicht jeglichen klinischen Fortschritt im Keim unterdrücken.
Ein weiteres Problem von Leitlinien ist die Tatsache, dass sie in der Regel auf den Ergebnissen randomisierter Studien und im besten Fall auf Meta-Analysen derartiger Studien basieren. Diese Studien, und das wird heutzutage oft ignoriert, kompilieren trotz aller statistischer Akkuratesse oft Daten extrem selektierter Patientenkollektive: es sind meist die jungen, relativ gesunden, gesundheitlich nicht oder kaum anderweitig belasteten Patienten, die in diesen Studien berücksichtigt werden. Viele Patienten, die wir tagtäglich in unseren Praxen sehen, "erfüllen" aber nicht diese Kriterien. An ihnen gehen daher die Leitlinien-Empfehlungen mehr oder weniger vorbei. Daten über Medikamente, die nach ihrer Zulassung erhoben wurden, finden sich in bisherigen Leitlinien kaum.
In dieser Situation ist es erfreulich, dass in jüngster Zeit die Bedeutung der so genannten Versorgungsforschung zunehmend Anerkennung gefunden hat. Unter Versorgungsforschung versteht man wissenschaftliche Projekte nach Markteinführung eines neuen Medikaments. Hierbei werden reale Patienten unter realistischen klinischen Bedingungen behandelt. Häufig geht es um kontinuierliche Erfassung der Effizienz und Langzeittoxizität nach Zulassung. Im Gegensatz zur früheren Praxis werden gegenwärtige Projekte der Versorgungsforschung unter strikten Qualitätskriterien durchgeführt, die auch die Publikation der Daten zu einem späteren Zeitpunkt ermöglichen. Es ist zu hoffen, dass Ergebnisse derartiger Projekte künftig zunehmend Eingang in Therapie-Leitlinien haben werden. Das Medizinische Zentrum Bonn Friedensplatz beteiligt sich gegenwärtig an verschiedenen Versorgungs-Forschungs-Projekten bei unterschiedlichen Tumorerkrankungen (Schwerpunkt Brustkrebs und Tumoranämie).
Bitte beteiligen auch Sie sich, um die kontinuierliche Verbesserung onkologischer Behandlungen aktiv mit zu gestalten!
Ihr

Priv.-Doz. Dr. med.
Christian M. Kurbacher
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